9. Wahlbericht aus den USA:
Bestimmt das Großkapital, wer nächster US-Präsident wird?

Erschienen am 5. Juni 2016

In Deutschland glauben viele Menschen, dass in den USA das „große Geld“ bestimme, wer letztlich Präsident werde. „Das Geld lässt wählen“, so titelte DIE ZEIT im Oktober 2015. „Reiche Spender und Milliardäre dominieren die Wahl des US-Präsidenten“, hieß es dort. Das Foto zu dem Bericht zeigte Jeb Bush, der 100 Millionen Dollar eingesammelt habe.

Acht Monate später ist deutlich: Die einfache Formel, dass Geld politische Macht kauft, stimmt so nicht, auch nicht in den USA. Jeb Bush gelang es mit seinen 100 Millionen Dollar gerade einmal vier Delegierte zu gewinnen. Er musste sich schließlich, wie die anderen republikanischen Kandidaten auch, Donald Trump geschlagen geben, obwohl dieser weitaus weniger Geld ausgegeben hatte als seine Mitbewerber.

Die Washington Post schrieb schon am 21. Mai: „Running as a self-funded candidate not beholden to traditional donors, Trump has so far raised and spent less than many of his Republican opponents and far less than Clinton. All told, Trump and his supporters have raised about $ 59,4 million so far, compared with Clinton’s total of nearly $ 300 million.“ Clinton und ihr Rivale Sanders hätten jeweils etwa 200 Millionen Dollar ausgegeben, verglichen mit Trump, der nur 56,5 Millionen ausgegeben habe.

Die Wahlfinanzierung, für die es normalerweise Obergrenzen in den USA gibt, erfolgt heute vor allem indirekt durch sogenannte Super PACs (Political Action Committee). Clinton genießt die Unterstützung vieler Superreicher, so etwa von Alexander Soros (Sohn von George Soros), Warren Buffett, dem Milliardär Haim Saban oder dem Slim-Fast-Gründer S. Daniel Abraham, wie die Washington Post berichtet. Dagegen handelt es sich bei 62 Prozent der Spenden für den Linkspopulisten Sanders um kleinere Beträge – bei Clinton sind es nur 21,3 Prozent.

Die Frage, ob das „große Geld“ den Wahlausgang beeinflusst, ist nicht so einfach zu beantworten. Einerseits ist die These nicht unrichtig, denn ohne die massive finanzielle Unterstützung durch Milliardäre hätte die von zahlreichen Affären belastete und zudem ihren Wettbewerbern rhetorisch weit unterlegene Hillary Clinton sowohl gegen ihren innerparteilichen Wettbewerber Sanders wie auch gegen Trump keine Chance. Wenn sie die Wahlen gewinnen sollte, dann ist das auch ein Ergebnis dieser massiven finanziellen Unterstützung.

Andererseits zeigt der Erfolg von Trump, dass Geld nicht unbedingt die entscheidende Rolle spielt. Trumps Erfolg ist ein schlagender Beleg für die These, dass PR wirksamer ist als Werbung. Diese These hatte der amerikanische Marketing-Guru Al Ries bereits 2003 in seinem beeindruckenden Buch „The Fall of Advertising & the Rise of PR“ begründet. Dabei bezog sich seine These nicht auf die politische Kommunikation, sondern auf traditionelle Werbung und PR für Produkte. Ries nannte als Beleg den Erfolg von Firmen wie Starbucks, Google, Red Bull, Microsoft, Oracle und SAP, die seine These stützten, dass „all recent marketing successes have been PR successes, not advertising successes“. PR, also professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sei glaubwürdiger und wirksamer als klassische Werbung, so die These von Ries, die übrigens durch zahlreiche wissenschaftliche Studien inzwischen belegt ist (vgl. dazu mein Buch „Kommunikation ist Chefsache“).

Trumps Erfolg ist vor allem dadurch zu erklären, dass er die Mechanismen der Pressearbeit verstanden hat. Durch permanente Provokationen gelang es ihm, eine weitaus größere Aufmerksamkeit zu erzielen als beispielsweise seinem republikanischen Mitbewerber Jeb Bush, der über erheblich größere finanzielle Mittel verfügte.

Der TV-Kritiker der New York Times, James Poniewozik analysierte bereits im Oktober, der Schlüssel, um Trumps Erfolg zu verstehen, liege im Verständnis der „attention economics of modern media“. Und Jeff Guo schrieb im Dezember in der Washington Post: „It’s not just that Trump is willing to be provocative – he’s exiting to many people because he says the things they feel they can’t say.“ Leider verstößt Trump dabei nicht nur gegen die kritikwürdigen Regeln der von der Linken entwickelten „Political Correctness“, sondern vielfach auch gegen die Regeln des gesunden Menschenverstandes und der Vernunft. Trumps provokative Twitter-Meldungen, auf die die Medien vorhersehbar reagierten, waren wirksamer als die teuren Anzeigen seiner Wettbewerber. Damit relativiert sich die eingangs zitierte These der ZEIT: „Das Geld lässt wählen“ – auch wenn sie nicht vollkommen falsch ist, wie das Beispiel von Clinton zeigt.


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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.