Buchtipp: Die Investitionsphilosophie von Charlie Munger

Erschienen am 21. Juni 2016

Tren Griffin, Charlie Munger. The complete Investor, Columbia University Press, New York 2015, 209 Seiten (in deutscher Sprache auch im FinanzBuch Verlag erschienen).

Warren Buffett ist Investoren weltweit bestens bekannt und es gibt zahlreiche Bücher über ihn. Dagegen haben sich nicht so viele Autoren mit dessen Partner Charlie Munger befasst, der Buffett nun schon seit Jahrzehnten begleitet. Das Buch von Griffin schließt hier eine Lücke. Es ist ein überaus lesenswertes Buch, das den Leser anregt, über sein eigenes Investitionsverhalten nachzudenken.

Munger ist dafür bekannt, dass er extrem viel liest. Seine Kinder haben ihn mal als Buch auf Beinen bezeichnet. Angeblich liest er jeden Tag ein Buch. Dabei interessiert er sich für die verschiedensten Wissengebiete. Er ist der Meinung, dass eine umfassende Allgemeinbildung nützlicher und wichtiger sei als spezialisiertes Expertenwissen.

Für Munger geht es beim Investieren nicht nur um Zahlen und Kalkulationen. „People calculate too much and think to little“, so Mungers Überzeugung (S. 46). Es gebe bei jeder Investitionsentscheidung eine Menge Faktoren, die nicht quantifizierbar seien. „You know, they’re important, but you don’t have the numbers. Well, practically everybody overweighs the stuff that can be numbered, because it yields to the statistical techniques they’re taught in academia, and doesn’t mix in the hard-to-measure stuff that may be more important. That is a mistake I’ve tried all my life to avoid, and I have no regrets for having done that.“ (S.45).

In der Tat fällt auf, dass viele sehr erfolgreiche Investoren eine umfassende Bildung genossen haben – George Soros oder Jim Rogers beispielsweise haben Philosophie und Geschichte studiert. Nachdenken ist für sie wichtiger als die Anwendung von bekannten finanzmathematischen Modellen. Munger betont immer wieder, wie entscheidend wichtig lebenslanges Lernen ist. Und Lernen heißt dabei nichts anderes, als offen und bereit dafür zu sein, bisherige Meinungen und Einstellungen zu korrigieren. „Munger likes to say that a year in which you do not change your mind on some big idea that is important to you is a wasted year.“ (S. 61)

Dass Munger viel liest, merkt man auch daran, dass er sehr häufig über Ergebnisse und Erkenntnisse der Behavioral Economics spricht. Das ausführlichste Kapitel dieses Buches befasst sich daher auch mit der „Psychology of Human Misjudgement“. In dem Kapitel werden insgesamt 25 Irrtümer genannt, die die Forschung der Behavioral Econimics aufgedeckt hat. Einer der folgenreichsten Fehler ist es, sich dagegen zu sträuben, die Wirklichkeit wahrzunehmen, wie sie ist und unangenehme Nachrichten zu verdrängen oder schönzureden. „One should recognize reality even when one doesn’t like it“, so Munger. Das klingt banal, aber die meisten Menschen denken und handeln anders. „The reality is too painful to bear, so you just distort it until it’s bearable. We all do that to some extent, and it’s a common psychological misjudgement that causes terrible problems.“ (S. 71) Was Munger sagt, entspricht auch meiner eigenen Beobachtung: „Failure to handle psychological denial is a common way of people to get broke.“ (S. 71)

Damit verbunden ist die „Over-Optimism Tendency“ (S. 74), die viele Investoren in die Irre führt. Auch das Besteben nach Übereinstimmung mit der Mehrheitsmeinung („Social-Proof Tendency“) ist eine Quelle vieler Fehler.

Viele der hier genannten Fehler sind aus der Literatur bekannt. Offenbar hat Munger die einschlägige Literatur intensiv studiert und daraus Folgerungen für seine Investitionen abgeleitet. Etwas überraschend ist, dass Munger als einen weit verbreiteten Grund für Fehler auch Alkohol- und Drogenmissbrauch bezeichnet. „Three things ruin people: drugs, liquor, and leverage.“ (S. 81) Munger berichtet aus seiner eigenen Erfahrung: „The four closest friends of my youth were highly intelligent, ethical, humorous types, favored in person and background. Two are long dead, with alcohol a contributing factor, and a third is a living alcoholic – if you call that living. While susceptibility varies, addiction can happen to any of us, through a subtle process where the bonds of degradation are too light to be felt until they are too strong to be broken.“ (S. 81 f.) Alkoholismus, so Munger, sei ein Hauptgrund dafür, wenn Menschen im Leben scheitern. (S. 82)

Im 5. Kapitel (The Right Stuff) geht der Autor auf die Persönlichkeitsmerkmale ein, die ein erfolgreicher Investor aus der Sicht von Munger mitbringen muss. Hier einige davon:

  1. Geduld. Entscheidend sei es, nicht in einen Hyperaktivismus zu verfallen und stattdessen geduldig abzuwarten bis sich Investmentchancen ergeben – und in dieser Zeit nichts zu tun.
  2. Disziplin. Dies ist eigentlich nur eine Bestärkung des ersten Punktes, denn gemeint ist hier vor allem die Disziplin, nichts zu tun und abzuwarten.
  3. Ruhe – aber Mut und Entschiedenheit, wenn eine Gelegenheit da ist.
  4. Ehrlichkeit
  5. Langfristiger Investitionshorizont.
  6. Sparsamkeit
  7. Risikovermeidung

Zum Thema Risikovermeidung: Viele Investoren machen den Fehler, zu glauben, wenn man in „Qualitätsunternehmen“ investiere, dann sei dies sicherer. Viel wichtiger ist jedoch der Preis. „Most investors“, so Munger, „think quality, as opposed to price, is the determinant of whether something’s risky. But high quality assets can be risky, and low quality assets can be safe. It’s just a matter of the price paid for them… Elevated popular opinion, then, isn’t just the source of low return potential, but also of high risk.“ (S. 118)

Entscheidend für den Erfolg ist auch, die Grenzen seiner Kompetenz richtig zu erkennen. Munger und Buffett unterlassen viele Investments deshalb, weil sie sie zu kompliziert finden. Wer nicht die Grenzen seiner Kompetenz kenne, der sei in Wahrheit nicht kompetent (S. 122) Misstrauisch solle man insbesondere sein, wenn es eine eingängige „Investmentstory“ gebe, die sehr plausibel klinge. Manche der größten Betrugsfälle in der Finanzgeschichte hätten damit zu tun, dass die Betrüger – so wie Bernie Madoff – exzellente Geschichtenerzähler gewesen seien (S. 123).

Wenn sich eine Investmentgelegenheit ergibt, dann müsse man auch den Mut haben, im großen Stil zu investieren – bekanntlich sind Buffett und Munger keine Anhänger einer großen Diversifikation, sondern einer Fokussierung. Das Erfolgsgeheimnis lasse sich so zusammenfassen: „The wise one bets heavily when the world offers them that opportunity, They bet when they have the odds. And the rest of the time, they don’t. It’s just that simple.“ (S. 130). R.Z.


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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.