Der Euro wird immer mehr zum Spaltpilz Europas

Erschienen am 15. November 2011

Der Euro war immer vor allem ein politisches und nicht ein ökonomisches Projekt. Politisch legitimiert wurde und wird er mit dem Ziel, dass Europa noch stärker zusammenwachsen soll.

Doch am Beispiel Griechenland wird deutlich, dass der Euro sich tatsächlich immer stärker zum Spaltpilz Europas entwickelt. In Griechenland schlugen vergangene Woche die Emotionen gegen Deutschland höher denn je. Und in Deutschland schlagen die Emotionen gegen „die Griechen“ immer höher. BILD titelte in riesigen Lettern auf Seite 1: „Nehmt den Griechen den Euro weg!“ Die Zeitung entwarf einen Abstimmungszettel für eine von ihr geforderte „Volksabstimmung über die Milliarden-Hilfen für Griechenland“ mit folgendem Inhalt:

– „Deutschland steht weiter mit Milliarden Euro für die Folgen griechischer Schlamperei und Misswirtschaft gerade.
Deutschland pumpt weitere Milliarden völlig ohne Sicherheit in einen maroden und korrupten Staatsapparat.
Griechenland, das sich die Aufnahme in den Euro-Raum mit gefälschten Bilanzen erschlichen hat, bleibt in unserem Währungssystem.

O Ja, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!
O Nein, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!“

Soweit die BILD-Zeitung nach Bekanntwerden der – später wieder revidierten – Pläne für eine Volksabstimmung in Griechenland.

Hat man einen solchen Ton in großen deutschen Medien über ein anderes Volk in den letzten Jahrzehnten gehört? Nein. Auch nicht in BILD. Von der Sache ist die Kritik berechtigt. Aber zur Verständigung zwischen den Völkern Europas trägt das sicherlich nicht bei.

Nun wäre es zu einfach, sich über die deutschfeindlichen Parolen griechischer Demonstranten oder über Artikel wie diesen in BILD aufzuregen. Man kann die Emotionen auf beiden Seiten nachvollziehen:

– Die einfachen Menschen in Griechenland verstehen die Zusammenhänge nicht, und da sind ihnen Deutschland und Angela Merkel als Sündenbock für ihre Empörung über den drastischen Abbau von Löhnen und „Sozialstandards“ gerade recht.
– Und die Deutschen empören sich verständlicherweise darüber, dass Abermilliarden in ein Fass ohne Boden verschwinden – und die Griechen uns dafür beschimpfen, statt auch einmal „Danke“ dafür zu sagen.

Was jetzt zwischen Deutschen und Griechen passiert, wird sich bald zwischen Deutschen und Italienern wiederholen. Für die Entwicklung einer europäischen Identität – und hierzu sollte doch der Euro beitragen – ist das freilich Gift.

Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.

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