Griechenland lenkt von Italien ab

Erschienen am 7. August 2015

„Griechenland ist nicht das Problem“ – so überschrieb ich vor einem Monat meinen Kommentar an dieser Stelle. Meine These lautete: „Die vollkommen berechtigte Aufregung über die Griechen verdeckt jedoch die wahren Probleme – und die liegen in Italien und Frankreich.“

Durch neue Fakten bin ich in meiner Meinung bestärkt worden, dass Italien das eigentliche Problem ist. Das Land befindet sich in Wahrheit in wirtschaftlichem Siechtum. Seit dem Start des Euro war das Wachstum in Italien so gering wie in keinem anderen Land der Euro-Zone, nicht einmal in Griechenland. Während das Wachstum in der Euro-Zone im Schnitt bei 22 Prozent lag, betrug es in Italien in den vergangenen 25 Jahren nur 4,5 Prozent. Praktisch bedeutet das ein Null-Wachstum. Die Wirtschaftsleistung Italiens befindet sich derzeit auf dem Level des Jahres 2000. Das sind 15 verlorene Jahre für Italien. Die Schulden sind seitdem auf über 2,2 Billionen Euro gewachsen, die Schuldenquote liegt mit 135 Prozent auf dem höchsten Stand seit 1924. Fast jeder zweite Jugendliche ist ohne Arbeit.

Das Problem Italien wird verdrängt. Man beruhigt sich mit dem Argument, die Schulden seien ja nicht so schlimm, weil es überwiegend Schulden im Inland seien und nicht im Ausland. Und man redet sich ein, die derzeitige Regierung in Italien treibe Reformen voran. Nur: Diese Reformen sind bei weitem nicht ausreichend, um die schwerwiegenden Probleme zu lösen.

Meine Folgerung: Wenn die Eurozone nur mit größtmöglichem Aufwand – vielleicht – das griechische Problem lösen kann, dann ist doch ganz offensichtlich, dass das italienische Problem unlösbar ist.

Ich sehe nur zwei Szenarien:

  1. Der Euro zerbricht an Italien (und auch an Frankreich).
  2. Die Politiker halten stur am Euro fest und dieser wird damit zu einer Schwachwährung.

Im Moment spricht alles für das Szenario 2. Aber wenn die Probleme Italiens erst einmal ins allgemeine Bewusstsein kommen, dann kann es sein, dass sich der Markt letztlich durchsetzt und trotz aller Beschwörungsversuche der Politiker und der EZB der Euro zerbricht.

Die Politiker können froh sein, dass sich alle nach wie vor nur auf Griechenland konzentrieren. Denn das verhindert die Wahrnehmung der tatsächlichen Probleme. Für mich zeigt die griechische Krise nur, dass all die Instrumente der „Euro-Rettungspolitik“ nichts taugen. Denn wenn sie etwas taugen würden, müsste es doch ein Leichtes sein, einen ökonomischen Zwerg wie Griechenland zu retten. Das ist jedoch nicht der Fall. Und ob die Italiener, wenn sich die Krise dort zuspitzt, sehr viel einsichtiger sind als die Griechen und erkennen, dass sie selbst schuld an ihren Problemen sind, das kann man nur bezweifeln. Sie werden die Schuld dort suchen, wo auch die Griechen sie sehen: In Deutschland und/oder einer bösen, internationalen Verschwörung des Finanzkapitals.


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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.