TTIP: Gegen Marktwirtschaft, Amerika und Gen-Äpfel

Erschienen am 3. Mai 2016

Alle Jahre wieder sucht und findet die Linke in Deutschland ein Aufregerthema, um sich der eigenen Identität zu versichern und zu mobilisieren. Die frei flottierende „German Angst“ braucht immer mal wieder was Neues, an dem sie sich festmachen kann.

Heute früh im ARD/ZDF-Frühstücksfernsehen: Im Interview eine 69jährige Musiklehrerin aus Lüdenscheid, die wirre Phrasen gegen TTIP zum Besten gibt. Ebenso engagiert und beängstigt wie ganz offensichtlich auch völlig ahnungslos. Der armen Reporterin, obwohl sie bestimmt ganz auf der Seite der Musiklehrerin stand, gelang es trotz Nachfrage nicht, ihr ein einziges vernünftiges oder wenigstens klar artikuliertes Argument zu entlocken.

Ich vermute, es ist das erste Mal im Leben, dass sich die hoch besorgte Musiklehrerin mit wirtschaftlichen Dingen befasst – und das merkt man in jedem Satz. Schlimm findet sie ein Freihandelsabkommen, weil es ja für eine freie Wirtschaft steht. Sie hat einen neuen Vollzeitjob gefunden: Die Post wird ihr mit Bussen gebracht. Über 70.000 Unterschriften gegen das Böse in dieser Welt, genannt TTIP, hat sie schon gesammelt. Vielleicht fühlt sie sich jetzt insgeheim ein wenig wie 007-James Bond, der ja auch immer wieder von Neuem die Welt vor den Bösen rettet.

Wer, so wie ich, schon seit Jahrzehnten täglich das politische Geschehen verfolgt, der hat schon viele Aufregerthemen erlebt. In den 80er Jahren hieß das große Aufregerthema „Waldsterben“. Menschen ketteten sich an Bäume, das Waldsterben wurde in Liedern besungen, beklagt, beweint. Alle waren unglaublich „betroffen“: Bald gibt es keinen Wald mehr in Deutschland… Heute gibt es mehr Wald denn je, gerade auch in Deutschland.

Dann kam das nächste Aufregerthema: Volkszählung. Etwas ganz Schlimmes. Wir sollen alle gezählt werden!! 1984 ist heute schon! Aus der Rückschau lachen wir darüber, welche Daten damals als sensibel angesehen wurden.

Immer mal wieder regte man sich über Themen wie das Ozonloch, Gen-Mais, Gen-Äpfel usw. auf, bis dann auf einmal die „globale Erwärmung“ zum Dauer- und Superthema wurde. Es ist 5 vor 12!! Nein, eigentlich schon 5 nach 12. Wir haben es nur noch nicht gemerkt. Obwohl wir alle die Bilder vom verzweifelten Eisbären auf der Eisscholle kennen. Kein Schauspieler oder Popstar, der etwas auf sich hält, hat sich nicht schon engagiert dagegen geäußert.

Zwischendurch erregten sich die Gemüter an neuen Flughäfen, neuen Einkaufszentren, neuen Wohnanlagen, neuen Autobahnen, generell an neuen Straßen, an der „Versiegelung“ der gesamten Landschaft usw.

Und jetzt: TTIP. Wie schlimm es ist, sieht man ja schon daran, dass die Verhandlungen „geheim“ geführt werden. Dabei haben das Verhandlungen eigentlich so an sich. Oder verhandeln die Tarifparteien über einen Tarifvertrag vor laufenden Kameras?

Gegen TTIP muss man einfach sein. Selbst die Tatsache, dass Angela Merkel und Barack Obama, die beiden Lieblinge aller ergrünten Linksliberalen und Alt-68er dafür sind, irritiert sie nicht. Die Linke ist dagegen – Wagenknecht postuliert die Knechtung von Konsumenten und sozial Schwachen durch Konzerne und das Finanzkapital in jeder Talkshow. Die Grünen sind natürlich dagegen, schon wegen dem ganzen „Gen-Food“, das uns früher oder später alle umbringen wird. „STOP TTIP – denn Demokratie ist nicht verhandelbar“, so postuliert Claudia Roth auf Facebook. Der linke Flügel der SPD ist auch dagegen. Und all den Sozialdemokraten in der Union kommen natürlich jetzt auch schwere Bedenken. Die AfD lässt sich nicht lumpen und ist dann auch mal dagegen. TTIP ist ein tolles Thema, weil man darin all das bündeln kann, wogegen man sowieso schon immer war und ist: Gegen Marktwirtschaft, gegen Amerika und auch gegen Gen-Äpfel.


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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.