Wie geht es weiter? 7 Thesen

Erschienen am 15. August 2011

„Die Schreckenslogik der Transferunion“, so überschrieb ich meinen Kommentar in den IMMOBILIEN NEWS vom 29. November 2010. Und am 13. Dezember 2010 warnte ich, es werde mittelfristig zur Einführung von Euro-Anleihen kommen. Unter der Überschrift „Euro-Anleihen – die unerbittliche Konsequenz“ hieß es in dem vor acht Monaten veröffentlichten Kommentar: „Zusätzlich zur eigenen Schuldenlast müssen wir auch noch an der für Länder wie Griechenland, Portugal, Italien, Spanien oder Irland mittragen.“
Bislang hat sich die deutsche Politik gegen die Einführung von Eurobonds gewehrt (zumindest scheinbar), doch in Wahrheit hat sie die Transferunion, vor der ich gewarnt habe, längst begründet.
Und Eurobonds sind nur die logische Folge dieser angeblich „alternativlosen“ Politik. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand wie Angela Merkel und Wolfgang Schäuble dies nicht auch gesehen haben – denn das war für jedermann zu erkennen, wie die oben zitierten Kommentare belegen. Können Politiker so blind sein, dass sie nicht die innere Logik ihres eigenen Handelns erkennen? Wie geht es weiter? Dazu sieben Thesen:
1. Ich rechne weiterhin damit, dass Eurobonds eingeführt werden, was gleichbedeutend mit einer massiven Schwächung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Finanzsystems wäre. Spätestens dann, wenn sich die Lage in Italien zuspitzt, werden Eurobonds kommen, denn andernfalls müsste Italien aus der Eurozone austreten – ein Gedanke, der jedoch leider tabuisiert wird.
2. Ob mit oder ohne Eurobonds: Die wirtschaftlichen und politischen Spannungen innerhalb der Eurozone werden sich in den nächsten Monaten und Jahren massiv verschärfen, so lange, bis diese auseinander bricht. Die Einführung von Eurobonds könnte dies nur verzögern, nicht jedoch verhindern. Die Spannungen werden so groß werden wie niemals in den letzten 50 Jahren.
3. Die Finanzkrise wird früher oder später in einer Inflation oder Währungsreform enden.
4. Es wird zu einer Radikalisierung in vielen europäischen Ländern kommen – die Bevölkerung der weniger verschuldeten Länder wird auf Dauer nicht die massive Subventionierung der südeuropäischen Schuldenstaaten akzeptieren und die Bevölkerung der südeuropäischen Schuldenstaaten wird gegen den Sparkurs rebellieren und dafür Deutschland an den Pranger stellen.
5. Um von ihrer Unfähigkeit abzulenken, wird die Politik wieder eine Kampagne gegen „raffgierige Banker und Manager“ inszenieren, die als Sündenböcke herhalten müssen.
6. Am relativ glimpflichsten werden jene Anleger wegkommen, die in deutsche Wohnimmobilien, Gold und inflationsindexierte Bundesanleihen sowie in inflationsindexierte Staatsanleihen von Emerging Markets investiert sind. Auch Aktien sollten in einem Portfolio jedoch nicht fehlen.
7. Die größten Schwierigkeiten werden deutsche Versicherer haben, weil sie eine zu geringe Aktien- und Immobilienquote haben und viel zu stark in traditionelle Staatsanleihen investiert sind.

Ich hoffe, dass ich mit vielen dieser Thesen unrecht behalten werde. Leider glaube ich dies nicht, denn in den letzten Jahren ist 1:1 genau das eingetroffen, was ich in meinen Kommentaren vorhergesagt hatte:

Etwa ein halbes Jahr vor Ausbruch der Finanzkrise – in einem Kommentar der IMMOBILIEN NEWS vom 29. Januar 2007 unter der Überschrift „Risiken nicht ignorieren“ – hatte ich bereits vor den „Risiken der Verschuldung amerikanischer Privatleute, die nicht mehr weiter ausgedehnt werden kann“ gewarnt und meiner Besorgnis über eine bevorstehende „dramatische Finanzkrise“ Ausdruck verliehen. Ich schrieb in diesem Kommentar über „die Kumulation von Risiken durch den Einsatz derivativer Instrumente“, sowie über die Risiken, die sich aus der „enormen, überbordenden Liquidität an den internationalen Finanzmärkten“ ergeben. „Optimisten“ so schrieb ich ein halbes Jahr vor Ausbruch der Krise“, „tun all diese Risiken als Angstmache von Panikpropheten und Crashgurus ab. Und genau darin liegt die größte Gefahr: In der Sorglosigkeit vieler Marktteilnehmer, die fleißig Argumente sammeln, warum wir in der besten und sichersten aller Welten lebten… Die Tatsache, dass beispielsweise schon lange vor den Folgen der öffentlichen und privaten Verschuldung in den USA gewarnt wird und sich bislang die Warnungen nicht bestätigt haben, ist kein Argument dafür, dass sich die Risiken nicht realisieren könnten… Aus Sicherheitsgründen empfiehlt es sich jedenfalls, Risiken auch durch Investitionen in Assets abzusichern, die von einer Finanzkrise stark profitieren würden – so insbesondere Gold.“

Übrigens: Als ich diese Empfehlung veröffentlichte, kostete eine Unze Gold 486 Euro, heute kostet sie 1225 Euro.

Unmittelbar nach Ausbruch der Finanzkrise äußerte ich die Befürchtung, dass die FED wiederum zum Mittel der Zinssenkung schreiten werde, das kurzfristig Linderung bringen, aber mittelfristig zu einer noch größeren Krise führen werde. Vor vier Jahren, am 20.8.2007 schrieb ich deshalb in den IMMOBILIEN NEWS:

„Wenn das geschieht, hieße dies, dass die Ben Bernanke den verhängnisvollen Weg seines Vorgängers Alan Greenspan fortsetzt, der mit seiner radikalen Zinssenkungspolitik die Ursachen für die heutige Krise gelegt hatte. Zinssenkungen wären genau der falsche Schritt, denn sie verzögern die notwendige Neubewertung der Risiken und die längst überfällige Korrektur der Assetpreise. Der Staatsinterventionismus verhindert, dass die Krankheit ausbricht, was jedoch eine Voraussetzung für die Heilung der zugrundeliegenden Probleme wäre. Zinssenkungen bedeuten ein Herumdoktern an Symptomen, das kurzfristig ebenso wirksam wie langfristig schädlich ist… Und statt der notwendigen Korrektur der Assetpreise wird die Hype erneut angeheizt, um später dann auf noch höherem Niveau und mit noch größerer Lautstärke zusammenzubrechen. Der Markt lässt sich kurzfristig immer wieder durch Staatseingriffe und Manipulationen der Notenbanken überlisten – langfristig setzt er sich jedoch umso kraftvoller durch, je mehr man ihn zuvor daran gehindert hat, selbst als Korrektiv für Ungleichgewichte zu sorgen… Die Märkte haben sich so sehr an das billige Geld und die überbordende Liquidität gewöhnt wie ein Drogensüchtiger an seinen Stoff, von dem er im tiefsten Inneren weiß, dass er ihn zerstören wird, aber dennoch nicht loskommt oder nicht loskommen will.“

Am 17.9.2007 wiederholte ich in den IMMOBILIEN NEWS:
„Werden die Zinsen gesenkt, dann wird damit allenfalls etwas Zeit gewonnen, aber zu einem späteren Zeitpunkt würde die Finanzkrise mit noch größerer Zerstörungskraft ausbrechen. Der Markt lässt sich überlisten – aber nicht dauerhaft, sondern allenfalls vorübergehend.“

Dies alles ist inzwischen eingetreten.

Und die Situation heute?
– Die Zinsen können nicht mehr weiter gesenkt werden, Bernanke hat die verhängnisvolle Politik von Greenspan sogar noch verschärft fortgesetzt.
– Gemessen am Goldpreis haben sowohl der Euro wie auch der Dollar dramatisch an Wert eingebüßt.
– Die Staatsverschuldung kann in vielen Ländern nicht mehr stark ansteigen, ohne dass es zu einem Kollaps kommt.
– Die FED und EZB kaufen Anleihen aller Art an – bis hin zu italienischen und griechischen Papieren – und zerstören damit das Vertrauen in die Zentralbanken und damit das Vertrauen in die Währungen.
– Die Politik handelt mit all ihren „Rettungspaketen“ und „Regulierungen“ in ganz offensichtlicher Rat- und Ahnungslosigkeit und verschlimmert die Situation, weil die Politiker glauben, sie seien klüger als der Markt.

Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.

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