Seehofers „Unhöflichkeit“ und Merkels Geisterfahrerei

Erschienen am 25. November 2015

Die Deutschen haben den Ernst der Lage ganz offensichtlich nicht begriffen. Wie kann man sich anders erklären, dass wir seit Tagen über Merkels „Demütigung“ durch Seehofer auf dem CSU-Parteitag diskutieren?

Keine Talkshow und kein Polit-Interview, in dem nicht ausgiebig darüber gesprochen wurde. Hat Seehofer Merkel öffentlich geohrfeigt? Oder beschimpft? Hat er sich grob im Ton vergriffen? Nein. Er hat sachlich und höflich das gesagt, was er seit Monaten sagt – nur eben im Beisein von Angela Merkel.

Leider wird nicht mehr darüber diskutiert, ob Seehofer in der Sache Recht hat, sondern ob es ein „guter Stil“ war, dass er seine Meinung auch im Besein der Kanzlerin artikuliert hat. Während der französische Premierminister Manuel Valls an Europa appelliert, umgehend den Andrang von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten zu stoppen, diskutieren wir Deutschen Stilfragen und Höflichkeit. Walls warnt: Die Kontrolle von Europas Grenzen entscheide über das Schicksal der Europäischen Union: „Wenn wir das nicht tun, dann werden die Völker sagen: Schluss mit Europa!“

Leider hat Seehofer mit seiner Kritik an Merkel nun das Gegenteil dessen erreicht, was er erreichen wollte: Die Union, die ja in weiten Teilen auf Distanz zur Kanzlerin gegangen ist, feiert sie nach Seehofers Kritik und erklärt sich solidarisch.

In der Sache steht außer den Grünen und dem linken Flügel der SPD jedoch nur noch Peter Altmaier unverdrossen an der Seite von Merkel. Die Bevölkerung in Deutschland lehnt ihre Flüchtlingspolitik ebenso ab wie die übergroße Mehrheit ihrer europäischen Regierungskollegen. Merkel agiert jedoch wie eine Geisterfahrerin, die sich wundert, warum alle anderen in die falsche Richtung fahren.


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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.