Zauberlehrling Draghi und die Zukunft des Euro

Erschienen am 4. Dezember 2015

„Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los“

An diese Worte aus Goethes Zauberlehrling dachte ich am Donnerstag, als ich Mario Draghis Rede hörte und dabei zusah, wie der Euro nach oben schnellte und der DAX einbrach. Ich vermute, dass Draghi selbst überrascht war von der Reaktion der Kapitalmärkte auf seine Rede. Wahrscheinlich wird ihm das eine „Lehre“ sein und er wird bald zurückrudern und eine weitere Eskalationsstufe im Anleihenkaufprogramm der EZB ankündigen.

Die wahnsinnige Geldpolitik, für die Draghi gefeiert wurde, ist eine Einbahnstraße, die in einer Sackgasse endet. Die Kapitalmärkte reagieren auf das billige Geld wie ein Drogensüchtiger, der immer stärkere Rationen braucht. Es genügt den Märkten inzwischen nicht mehr, dass Draghi die Geldschleusen weit geöffnet hält. Selbst die Ankündigung, seine wahnsinnige Politik noch ein halbes Jahr länger – bis mindestens zum März 2017 – fortzusetzen, war den Märkten nicht genug. Sie hatten erwartet, dass Draghi sein Anleihenankaufprogramm massiv ausweitet, vielleicht von 60 auf 70 Mrd. Euro im Monat.

Die enttäuschten Marktreaktionen zeigen, dass eine Rückkehr zu einer normalen Geldpolitik auf lange Zeit schlichtweg nicht möglich ist. Man stelle sich nur vor, was passieren würde, wenn sich ein Ende oder auch nur eine leichte Reduktion der Anleihenkäufe durch die EZB andeutete. Wenn bereits das Ausbleiben von noch extremeren Maßnahmen von den Märkten mit bitterer Enttäuschung aufgenommen wird, dann zeigt dies den Wahnsinn der Notenbankpolitik. Es bleibt also dabei, dass die Zinsen abgeschafft sind in Europa. Dies wird auch den Immobilienboom weiter anfeuern.

Der Euro stieg jetzt so stark an einem Tag wie seit sechseinhalb Jahren nicht mehr. Dennoch glaube ich nicht an ein langfristiges Comeback des Euro. Langfristig wird der Euro immer weiter an Bedeutung verlieren. Wichtiger als die Ereignisse am Donnerstag war die Entscheidung des IWF wenige Tage zuvor über die Neuzusammensetzung des Währungskorbes, der die wichtigsten Währungen der Welt beinhaltet. Der chinesische Yuan wird darin als fünfte Leitwährung mit 10,9 Prozent enthalten sein, während der Euro von 37,4 auf 30,9 Prozent zurückgesetzt wird.

Der langfristige Bedeutungsverlust des Euro wird auch deutlich, wenn man sieht, wie sich sein Anteil an den Devisenreserven der Notenbanken entwickelt hat – nämlich von 28 Prozent Ende 2009 auf nunmehr nur noch 20 Prozent. Ein anderer Indikator für den Bedeutungsverlust des Euro ist sein Anteil bei internationalen Geldtransfers, der von 44 Prozent im Jahr 2012 auf nur noch 28 Prozent gesunken ist. Zugleich ist der Anteil des Dollar von 29 auf 44 Prozent gestiegen.

Ich denke, diese Entwicklung wird weitergehen, trotz der kurzfristigen massiven Zugewinne des Euro als Reaktion auf die Draghi-Rede. Draghi wird aus seiner Rede „lernen“: Er wird die ultralockere Geldpolitik forcieren und dies bei nächster Gelegenheit den Märkten signalisieren. Ich setze daher weiter auf den Dollar.


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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.