0,3 Prozent als Nabel der Welt

Erschienen am 20. April 2015

Weniger als 0,3 Prozent beträgt der Anteil Griechenlands am globalen BIP. Dennoch denken die Griechen, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Sie sprechen gerne auf ganz hoher Ebene, am liebsten mit Putin oder Obama. Das entspricht dem Selbstverständnis der eigenen ungeheuren Wichtigkeit.

Inzwischen ist jedoch sogar dem US-Präsident die Hutschnur geplatzt. Er hatte sich – vor allem aus geostrategischen Überlegungen – massiv für Griechenland stark gemacht und die Europäer zu Zugeständnissen gedrängt. Nachdem er jetzt die handelnden Personen kennengelernt hat, ist auch er desillusioniert und hat den Griechen sehr deutlich auf den Weg gegeben, sie müssten ihren Arbeitsmarkt reformieren und Bürokratie abbauen. Davon wollen die jedoch nichts wissen.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG berichtet, mehrere ranghohe Gesprächspartner aufseiten der Kreditgeber hätten geäußert, die Vertreter der griechischen Seite bei den Verhandlungen seien „inkompetent und unerfahren“. Gespräche fielen aus, würden von niederrangigen Beamten „ohne Kenntnisse und ohne Befugnisse“ geführt. Es herrsche Chaos. Über den wirklichen Zustand der Athener Finanzen sei niemand im Bilde.

Es hört sich gut und mitfühlend an, wenn man zwischen der griechischen Bevölkerung und der griechischen Regierung unterscheidet. Doch Griechenland ist eine Demokratie. Und in einer Demokratie sind die Menschen selbst verantwortlich für ihre Regierung. Jahrzehntelang hat die Mehrheit der Griechen korrupte Parteien gewählt. Sind sie klug geworden aus den Fehlern der Vergangenheit? Hat sich aus der Mitte der Gesellschaft eine Partei gebildet, die für Reformen und Marktwirtschaft steht? Nein. Stattdessen haben die Griechen nun Extremisten und Amateure gewählt, die – außer von ihnen selbst – von kaum jemandem auf der Welt ernst genommen werden.

In Deutschland freilich hat die linke griechische Regierung (mit rechten Einsprengseln) große Fans: Die LINKE und die GRÜNEN sowie der linke Flügel der SPD bewundern die linken Revolutionäre aus Griechenland und sehen sich weniger als Vertreter der Interessen Deutschlands denn als Vertreter der griechischen Linken in Deutschland.

Hat Griechenland überhaupt eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen? Ich denke nicht. Kein Mensch wird in Griechenland investieren – weder Inländer noch Ausländer. Charakteristisch ist, dass man jetzt einen Deal mit Russland plant, bei dem es angeblich eine Vorab-Zahlung geben wird. In der Gegenwart auf Kosten der Zukunft leben – das ist und bleibt die Maxime.

Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.