Coronakrise: Wann beginnt die Suche nach den „Schuldigen“?

Erschienen am 9. März 2020

Es ist fast schon ein Gesetz: Bei Krisen, Naturkatastrophen und Epidemien beginnen die Menschen früher oder später mit der Suche nach den „Schuldigen“ und es findet eine Politisierung des Ereignisses statt. Meist werden Krisen anfangs nicht sehr ernst genommen. Irgendwann bricht Panik aus, aber die Menschen sind zunächst vor allem damit beschäftigt, die unmittelbaren Folgen einer Katastrophe in den Griff zu bekommen – so wie derzeit bei der Coronakrise.

Doch dann beginnt stets die Suche nach Schuldigen. Offenbar ist es ein tief sitzendes Bedürfnis der Massen, einzelne Personen oder Personengruppen zu identifizieren, denen sie die Schuld geben können. Wenn man keine Personengruppe ausfindig machen kann, die direkt verantwortlich für die Katastrophe ist (Erdbeben, Epidemie, Hochwasser etc.), dann finden die Menschen schnell „Verantwortliche“, die Fehler in der Bekämpfung des Unglücks gemacht haben. Da in solchen Situationen immer Fehler gemacht werden, ist es auch nicht schwer, „Schuldige“ zu finden. So wird das auch bei der Corona-Krise sein. Wer wird diesmal als Sündenbock auserkoren werden?

Historisches

In Europa wurden im Mittelalter und der Frühen Neuzeit etwa 40.000 bis 60.000 Menschen, vor allem Frauen, Opfer der Hexenverfolgung. Hexen wurden für die Ausbreitung von Seuchen, für Missernten, Naturkatastrophen und viele weitere negative Ereignisse verantwortlich gemacht, die die Menschen sich nicht erklären konnten. Auch Juden wurden häufig beschuldigt – so hieß es, Juden hätten Brunnen vergiftet.

Manchmal wurden Katastrophen auch als Strafe für sündiges Treiben gewertet. So erließ die Stadt Florenz 1542 nach einem Erdbeben strenge Regeln gegen Sodomie und Blasphemie. Eine moderne Abwandlung dieses Denkens ist die Klimareligion: Bei Hochwasser, Hitze oder Stürmen, ja, bei jedem extremen Naturereignis, heißt es heute, „Mutter Natur“ schlage zurück, weil wir sie schlecht behandelt hätten. In der linken Kultsendung „Titel, Thesen, Temperamente“ erklärte am letzten Sonntag eine Philosophin, es sei auch eine Chance, dass wegen Corona die „Welt stillsteht“, weil wir durch die Entschleunigung die Gelegenheit hätten, darüber nachzudenken, wie wir die Welt umbauen müssten.

In der Finanzkrise 2008 mussten „gierige Banker“ als Sündenböcke herhalten. Die Ursachen waren so komplex, dass die meisten Menschen sie nicht verstehen konnten. In solchen Situationen werden Sündenböcke gesucht. Reiche oder ganz allgemein der Kapitalismus sind heute beliebte Zielscheiben für das Sündenbockdenken. Entweder man macht sie direkt verantwortlich für schlimme Entwicklungen oder man zeigt sich empört, dass in Krisensituationen (z.B. bei einem Erdbeben) Angehörige unterer Schichten stärker betroffen sind als Bessersituierte.

Politisierung der Corona-Krise

Die Politisierung der Corona-Krise begann damit, dass die Linke die Privatisierung von Krankenhäusern anprangerte. Die Parteivorsitzende Katja Kipping forderte schon Ende Januar, wegen der Coronakrise sofort die Privatisierung von Krankenhäusern zu stoppen. Im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen wurde das „hemmungslose Profitstreben“ von privaten Kliniken schon mal vorab als Ursache dafür identifiziert, wenn Coronakranke nicht angemessen behandelt werden könnten (bevor es einen einzigen Fall gab, der eine solche Deutung nahe legte).

Sündenbock-Denken

In Deutschland ist das „Reichen-Sündenbockdenken“ besonders ausgeprägt. Bei einer Umfrage der Institute Allensbach und Ipsos MORI wurde den Befragten in vier Ländern folgende Aussage vorgelegt: „Superreiche, die immer mehr Macht wollen, sind schuld an vielen Problemen auf der Welt, z.B. an Finanzkrisen oder humanitären Krisen.“ In Deutschland war die Zustimmung zu dieser Aussage mit 50 Prozent doppelt so hoch wie in Großbritannien und den USA (21 bzw. 25 Prozent). Das lässt vermuten, dass sich die Aggressionen gegen Reiche und die Bereitschaft der Politik, gegen diese vorzugehen, in einer akuten Krise in Deutschland eher mobilisieren ließen als in den angelsächsischen Ländern.

Die Attributions-Theorie in der Psychologie betont, dass Menschen dazu neigen, komplexe Ereignisse, die sich einer einfachen Erklärung entziehen, damit zu erklären, dass bestimmte Gruppen als Schuldige identifiziert werden. Der amerikanische Psychologe Peter Glick argumentiert, dass oft gerade solche Gruppen als Sündenböcke fungieren, denen die unheimliche Macht zugeschrieben werde, die negativen Ereignisse bewusst verursacht zu haben. Dies seien oftmals gerade nicht wehrlose Minoritäten. „Minderheiten mit hohem Status oder mit Macht (z. B. durch ihren sozioökonomischen Erfolg), die als Konkurrenz zur dominanten Gruppe gesehen werden, sind neidischen Vorurteilen ausgesetzt: sie werden wegen ihres Erfolges bewundert und zugleich abgelehnt; sie werden stereotypisiert als hochkompetent, aber ihnen werden feindselige Motive unterstellt. Weil beneideten Gruppen unterstellt wird, sie hätten die Macht und die Intention, anderen Schaden zuzufügen, sind die gefährdet, dass man sie beschuldigt, Frustrationen auf Gruppenebene verursacht zu haben.“

Verschwörungsspinner

Typisch seien in diesem Zusammenhang Verschwörungstheorien, in denen diese Gruppen allmächtig erschienen. Anhänger von Verschwörungstheorien haben natürlich auch zur Coronakrise vielfältige Theorien aufgestellt. Ich nenne solche Leute jedoch lieber „Verschwörungsspinner“ als „Verschwörungstheoretiker“, da das Wort „Theorie“ hier selten angemessen ist. Großes Unheil hat in der Geschichte die These der „jüdischen Weltverschwörung“ angerichtet. Verschwörungsspinner erkennt man daran, dass sie einerseits besonders einfältig sind, sich aber andererseits für die einzigen richtig gut informierten Leute halten. Sie fühlen sich auch direkt angesprochen, wenn von ihnen die Rede ist und man erkennt sie leicht daran, dass sie einem als erstes erklären, der Begriff „Verschwörungstheorie“ selbst sei schon Ergebnis einer Verschwörung (z.B. des CIA).

Menschen verstehen komplexe Ursachen selten

Die Folgen für die angeprangerten Gruppen könnten fatal sein: „Wenn eine zum Sündenbock gemachte Gruppe als mächtig und zugleich böswillig angesehen wird, lassen sich sogar die extremsten Handlungen gegen sie (z. B. Mord) als Selbstverteidigung rationalisieren“, so Glick. Er betont, dass gerade in Krisensituationen Sündenböcke gesucht würden, weil die Mehrheit die komplexen Ursachen nicht verstehe: „Bei ihrer kollektiven Suche nach plausiblen Erklärungen und Handlungsoptionen können Menschen zu falschen und (für diejenigen mit besseren oder differenzierteren Informationen) objektiv lächerlichen Schlussfolgerungen gelangen, um eine unschuldige Gruppe zum Sündenbock zu machen. Zu falschen Zuschreibungen kann es kommen, weil die Informationen und die kognitiven Fähigkeiten der Menschen, sie zu verarbeiten, begrenzt sind, insbesondere wenn es um große Probleme in komplexen, modernen Gesellschaften geht…. Bewegungen, die Sündenböcke benennen, sind für ihre Anhänger attraktiv, weil sie einfache, kulturell plausible Erklärungen und Lösungen für negative Ereignisse anbieten.“

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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.