Verluste bei Bankaktien:
Bankenstresstests werden zum Risiko für das Bankensystem

Erschienen am 2. August 2016

Der Einbruch von Bankaktien (z.B. Commerzbank, Deutsche Bank) nach der Veröffentlichung des aktuellen Bankenstresstests zeigt, dass diese Tests genau das Gegenteil dessen bewirken, wofür sie gedacht waren. Sie führen zu einer erheblichen Verunsicherung der Marktteilnehmer und möglicherweise bald auch der Bankkunden. Damit werden sie zu einer Gefahr für unser Finanzsystem.

Die aufsichtlichen Stresstests für Banken waren eine Reaktion auf die Finanzkrise. Erstmals wurde 2009 von der Vereinigung der europäischen Bankenaufseher ein Stresstest durchgeführt. Wie unsinnig die Tests sind, belegte beispielsweise der 2011 von der neu geschaffenen Europäischen Bankaufsichtsbehörde EBA durchgeführte Test. Damals bestanden die beiden größten Banken Zyperns den Test mit Bravour, da sie ja ihre Gelder in „sichere“ griechische Staatsanleihen angelegt hatten. Die Zentralbank Zyperns bekundete ihre „große Zufriedenheit“ mit den Testergebnissen, da diese „die Fähigkeiten der heimischen Banken zeigen, Schocks in einem ungünstigen Szenario auszuhalten“. Nur eine Woche später einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf ein „Rettungspaket“, das Abschreibungen auf den Wert griechischer Staatsanleihen vorsah. Die angeblich so stabilen Banken Zyperns mussten in einer großangelegten Aktion „gerettet“ werden und vermögende Bankkunden verloren ihr Geld.

Zu Recht wurde immer wieder kritisiert, dass die Bedingungen der Stresstests für die Banken unrealistisch sind und ein wirklich ernstes Krisenszenario nicht abbilden. Das hat jedoch einen guten (oder besser gesagt: schlechten) Grund: Realistische Tests würden die tatsächliche Gefährdung der Banken zeigen und damit zu einer massiven Verunsicherung von Finanzmärkten und Bankkunden führen. Im Sinne einer self fulfilling prophecy könnte der Test einen Bank Run auslösen.

Doch die Marktteilnehmer und auch die Medien wissen, dass die Tests zu harmlos ausgelegt sind und zu geschönten Ergebnissen führen. So wie ein Arbeitgeber das geschönte Zeugnis eines Bewerbers zu lesen weiß, weil er die verklausulierten Standardformeln richtig übersetzt, so verstehen auch die Märkte, was von einem Test zu halten ist, von dem schon vorher gesagt wird, keine Bank werde durchfallen. Wie ernst würden Schüler und deren Eltern eine Klausur nehmen, von der der Lehrer schon zuvor ankündigt, dass alle sie bestehen werden?

Die Situation der europäischen Banken ist sehr viel ernster als es der Test suggeriert. Der Kursverlauf der Bankaktien zeigt viel deutlicher, wie es um sie bestellt ist, als der Stresstest. Die geschönten Tests führen weder zu zusätzlichen Informationen noch zur Beruhigung der Anleger, sondern zu einer massiven Verunsicherung. Sie sind ein Beispiel für die generell verfehlte Antwort der Politik auf die Finanzkrise. Die „Therapie“ wird zur Ursache der nächsten, noch viel größeren Krise. Dies gilt für die Niedrigzinspolitik der EZB ebenso wie für das Instrument des Bankenstresstests.

Ich habe mich schon lange entschieden, keine größeren Geldbeträge auf einem Bankkonto zu parken. Stattdessen habe ich kurz laufende deutsche und amerikanische Staatsanleihen gekauft, trotz der Negativzinsen bei deutschen Anleihen. Ich vermute, dass immer mehr vermögende Anleger dazu übergehen werden, weil sie erkennen, dass sie im Ernstfall eines Bankencrashs zur Kasse gebeten werden und die Zeche bezahlen müssen – genau so, wie seinerzeit in Zypern. Schon in meinem Buch „Reich werden und bleiben„, das 2015 erschienen ist, hatte ist daher geschrieben: „Ich kann jedoch niemanden verstehen, der über einen längeren Zeitraum sehr große Summen auf der Bank liegen hat. Die Verzinsung steht in keinem angemessenen Verhältnis zum Risiko – und es gibt bessere Alternativen.“


24 Besprechungen, Interviews und Artikel zu Rainer Zitelmanns aktuellem Buch "Reich werden und bleiben": http://www.reichwerdenundbleiben.net/

Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.