Warum Merkels „Wir schaffen das“ viele Menschen so sehr ärgert

Erschienen am 10. September 2016

Warum eigentlich ärgern sich so viele Menschen über einen so positiv klingenden Satz wie: „Wir schaffen das“? Eigenartigerweise wurde diese Frage bislang kaum gestellt.

Kein Satz polarisiert die Deutschen so wie Merkels: „Wir schaffen das“. Die Verteidiger von Merkel wollen die Kritik daran ad absurdum führen, indem sie erklären, die gegenteilige Aussage („wir schaffen das nicht“) ergebe offensichtlich keinen Sinn. „Ich mag mir keine Regierungschefin vorstellen, die vor das Volk tritt und sagt, wir schaffen das nicht. Also, warum sollte man eine solche Person wählen?“, fragte beispielsweise Bundespräsident Joachim Gauck.

Ist Merkels Satz also, um ein anderes Lieblingswort der Kanzlerin zu gebrauchen, „alternativlos“? Ist jeder dumm oder ein hoffnungsloser Pessimist, der diesen Satz ablehnt, weil er sich damit indirekt zum Fürsprecher der negativen Aussage: „Wir schaffen das nicht“ macht? Das wollen uns alle suggerieren, die diesen Satz verteidigen – der Bundespräsident, Peter Altmeier, Claudia Roth und viele andere. Doch das ist nur ein billiger rhetorischer Trick, um Kritiker von Merkel zu diskreditieren.

Wenn der Trainer einer Fußballmannschaft vor einem schwierigen Spiel sagt: „Wir schaffen das!“, dann wird ihm kein Spieler widersprechen. Denn jeder in der Mannschaft will es schaffen. Alle sind sich im Ziel einig. Alle wollen es schaffen.

Und genau dies ist der Unterschied zu Merkels Satz: Sie setzt etwas voraus, was gar nicht gegeben ist, nämlich, dass sich alle in dem Ziel einig sind. Es ging damals um die Öffnung der Grenzen, die Aussetzung völkerrechtlicher Abkommen (Dublin III) und die unkontrollierte Aufnahme von Flüchtlingen – von über einer Million, wie sich wenig später herausstellte. Viele Deutsche wollten und wollen das, was Merkel wollte, gar nicht schaffen. Sie wurden vorher nicht gefragt, ob sie das überhaupt wollen. Auch der Deutsche Bundestag, die Vertretung der Deutschen, wurde bis heute nicht gefragt. Es war eine einsame Entscheidung von Angela Merkel, und mit dem Satz „Wir schaffen das“ setzte sie voraus, dass „wir alle“ im Grunde einverstanden sind.

Der Satz führt also deshalb bei so vielen Deutschen zum Verdruss, weil sie sich bevormundet fühlen. Weil der Satz einen Konsens voraussetzt, den es gar nicht gibt. Im Gegenteil. Die Mehrheit der Deutschen lehnt Merkels Flüchtlingspolitik ab, wie alle Umfragen belegen.

Haben Sie schon einmal erlebt, dass der Versicherungsvertreter Sie fragte, ob Sie den neuen Vertrag lieber am 1. August oder am 1. September starten wollen, wenn Sie sich in Wahrheit noch gar nicht entschieden haben, ob Sie den Vertrag überhaupt abschließen wollen? Sie ärgern sich, weil Sie sich bevormundet fühlen. Der Vertreter setzt ein Einverständnis voraus, das gar nicht gegeben ist.

Ich ärgere mich oft, wenn ich im Flugzeug sitze, das wieder einmal massiv verspätet ist und der Kapitän sagt: „Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis“. Manchmal würde ich gerne laut rufen: „Ich habe gar kein Verständnis, dass das schon wieder passiert.“ Ich fühle mich stets dann bevormundet, wenn der Andere ein Verständnis oder Einverständnis voraussetzt, das nicht gegeben ist.

Wenn Merkel den Satz regelmäßig wiederholt, dann werden die Menschen, die ihre Politik ablehnen, dadurch nicht überzeugt. Im Gegenteil. Sie empfinden die ständige Wiederholung als Bekräftigung der Bevormundung.


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Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.