Der Euro wird nicht sein oder er wird schwach sein.
Die Zukunft der europäischen Währung

Erschienen am 22. Oktober 2012

Der Euro ist derzeit, jedenfalls in Dollar gemessen, so stark wie lange nicht mehr. Doch wie steht es um die Zukunft der europäischen Währung? Ich halte zwei Szenarien für denkbar:
Szenario 1: Die europäischen Politiker halten „um jeden Preis“ am politischen Projekt des Euro fest. Sie verstärken dann die fatale Entwicklung einer Transferunion. Dies wird Länder wie Deutschland erheblich schwächen, ohne die Südländer dauerhaft wirtschaftlich zu stärken. Der überdehnte europäische Wohlfahrtsstaat wird nicht gründlich reformiert, sondern durch geldpolitische Maßnahmen künstlich am Leben gehalten. Das Ergebnis wird ein sehr schwacher Euro sein.
Szenario 2: Die Zentrifugalkräfte sind so stark, dass die Währungsunion trotz aller Rettungsversuche auseinander bricht. Ob es dann einen Nordeuro und einen Südeuro geben wird oder ob die Länder wieder zu ihren alten Währungen zurückkehren, ist schwer zu sagen.

Gibt es nicht auch die Möglichkeit, dass der Euro auf Dauer eine starke Währung sein wird? Dafür müsste Europa sich von seiner wohlfahrtsstaatlichen Tradition verabschieden – und dies würde die politischen Eliten gefährden, vielleicht sogar unser demokratisches System.

Der Euro ist nicht Ausdruck einer natürlichen, organischen wirtschaftlichen Entwicklung, sondern ein politisches Konstrukt. Die Irrationalität von Sätzen wie „Zerbricht der Euro, zerbricht Europa“, belegt dies ebenso wie die Entstehungsgeschichte der europäischen Währung. Die Marktkräfte werden letztlich, wie immer in der Geschichte, dauerhaft stärker sein als politische Konstrukte.

Währungsprognosen sind mit großer Unsicherheit behaftet, besonders wenn sie kurzfristiger Natur sind. Dennoch möchte ich eine Prognose wagen: Der Euro ist derzeit zu stark bewertet, weil die Finanzmärkte stets euphorisch auf kurzfristige geldpolitische Maßnahmen der Notenbanken reagieren und langfristige Probleme dabei ausblenden.

Das eröffnet Chancen für Anleger, die langfristig denken, also nicht in Monaten, sondern die einen Anlagehorizont von mindestens zehn Jahren haben. Wer einen solchen Anlagehorizont hat, sollte nicht alles darauf wetten, dass der Euro so stark bleibt, wie er heute ist. So wie die Diversifikation zwischen verschiedenen Assetklassen sinnvoll ist, so ist auch eine Diversifikation unter Währungsgesichtspunkten empfehlenswert.

Dr. Rainer Zitelmann

Über den Autor

Rainer Zitelmann ist einer der führenden Immobilienexperten und -netzwerker in Deutschland.

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